Monumente und Minimente: Auf Schatzsuche im Berliner Dom

Kaiser Wilhelm II. wollte etwas Großes: Eine Kirche für Protestanten, am Liebsten so groß wie der Kölner Dom der Katholiken, so schön wie der St. Petersdom in Rom. Der Berliner Dom ist Kirche, Museum, Denkmal, Aussichtsplattform und Gruft in einem.

Berliner Dom „‚SM, wie die Berliner ihn flott nannten, Seine Majestät Kaiser Wilhelm, besaß einen ausufernden Geschmack, liebte ornamental Imperiales und mochte Schinkel nicht. Sehr groß, sehr mächtig und geschmückt sollte alles sein – auch der neu zu errichtende Berliner Dom als Hauptsitz des preußischen Protestantismus, als Hof- und Denkmalskirche der Hohenzollern“, schreibt Ingrid Nowel in ihrem wirklich lesenswerten Berlin-Reiseführer (Ingrid Nowel: Berlin. Kunst-Reiseführer, Dumont 2012). Bereits seit dem 15. Jahrhundert gab es auf der Spreeinsel an Ort und Stelle eine Domkirche, seit 1539 lutherisch. Friedrich der Große ließ 1750 einen barocken Neubau errichten, es folgte 1822 ein klassizistischer Umbau durch Schinkel. Kurz später bereits begannen die Planungen für einen Neubau, es folgten Entwürfe, 1848 eine Revolution, neue Wettbewerbe. 1888 bekam der Architekt Carl Julius Raschdorff, selber übrigens Katholik, den Zuschlag. Der alte Dom wurde abgerissen, der neue Dom 1905 eingeweiht. Mit 114 Metern wurde es immerhin der größte protestantische Kirchenbau im Reich (der Kölner Dom ist 158 Meter hoch). Mit Altem Museum und (bald wieder) Stadtschloss rund um den Lustgarten bildet der Dom eine symbolträchtige Einheit von Kunst, Kaiser und Kirche.

7 Euro Eintritt, um eine Kirche zu besichtigen, ist hapig, auch wenn ich theoretisch drei Kinder unter 18 Jahren kostenlos mit reinnehmen könnte, die aber gerade leider nicht zur Hand sind. Als ich den Ticketautomaten zwischen den Säulen am Portal entdecke, der wie ein Parkticketautomat aussieht, aber nur mit EC-Karte funktioniert, bin ich überzeugt: Diese Kirche ist keine gewöhnliche Kirche, diese Kirche ist Disneyland. Jetzt will ich rein. Der Automat bucht die „Domerhaltungsgebühr“ von meinem Konto ab und spuckt dafür ein buntes Ticket aus. Den Audioguide für 3 Euro spare ich mir dafür, es gibt auch so genug zu entdecken und ein guter Übersichtsplan und Rundgangsschilder geben Orientierung.

Die Predigtkirche selbst mit all ihrem Gold und ihren Skulpturen und vor allem den wundervollen Mosaikbildern im Innern der 33 Meter durchmessenden und 74 Metern hohen Kuppel verzaubern. Sich einfach auf eine der Bänke setzen, zurücklehnen, nach oben schauen, die acht Bilder zu den Seligpreisungen aus der Bergpredigt bewundern, sich von den anderen Menschen nicht irritieren lassen, für einen Moment innehalten und Bilder und Botschaften auf sich wirken lassen. Das tut gut, auch ohne dass ich getauft wäre. Am Ende mache ich natürlich, wie alle anderen auch, unter allerlei Verrenkungen selbst mein bestmögliches Kuppelfoto… nun ja… 😉

Zu entdecken gibt es ferner: Die Sauer-Orgel, den Altarraum, schicke Krippenfiguren (es ist immerhin noch der erste Weihnachtsfeiertag) und natürlich die Skulpturen der vier Reformatoren Luther, Melanchthon, Calvin und Zwingli auf der einen, der Altar-Seite und der vier Landes- und Schutzherren der Reformation aus Sachsen, Hessen, Brandenburg und Preußen, die die „Kaiser-Loge“ umrahmen. Die nämlich liegt direkt gegenüber dem Altar, über den Kirchenbänken des gemeinen Volkes. Man sieht, dass es hier auch um Machtansprüche ging. Prunksarkophage sind zu bestaunen, u.a. die vergoldeten (und leeren) Prunksarkophage von Andreas Schlüter für König Friedrich I. und seine zweite Frau Sophie Charlotte (die im Untergeschoss gelegene Hohenzollerngruft beherbergt bemerkenswert viele weitere Särge, aber ebenfalls keine Leichen mehr). An einer Videostation informiert ein gut gemachter Clip über die Hintergründe der Reformation, es gibt weitere Filmstationen im Haus, einige davon speziell für Kinder. Auch die vom Dom selbst beworbene „Treasure App“ probiere ich aus, für Erwachsene und Kinder gibt es jeweils eine kleine Schnitzeljagd mit Quizfragen zum Dom.

Eine andere Entdeckung aber berührt mich besonders, die nicht im offiziellen Faltblatt vermerkt ist. Links vom Altar, hinter bzw. unter der Kanzel findet sich eine Kunst-Intervention: Micha Ullman, israelischer Künstler, der unter anderem auch die Bibliothek als Denk-und Mahnmal an die Bücherverbrennung 1933 auf dem Bebelplatz (Opernplatz) geschaffen hat, hat hier auf dem Boden ein „Miniment“ geschaffen, wie er es nennt – eine kleine, naturverbundene Skulptur, „die er den großen, einen Wirklichkeitsanspruch vertretenden Monumenten entgegensetzt.“ Seconda Casa, der in Basalt-Lava eingelassene und mit Wasser gefüllte Negativabdruck zweier Häuser, die sich am Dachfirst berühren, bezieht sich auf eine andere Arbeit des Künstlers am Rande des ehemaligen jüdischen Ghettos in Rom, von wo aus 1943 zweitausend italienische Juden in Konzentrationslager deportiert wurden. Zweites Haus meint im Hebräischen den zweiten Tempel der Juden in Jerusalem, der um 70 nach Christus von den Römern zerstört wurde.

Zum Abschluss geht’s natürlich noch hoch auf die Kuppel, vorbei am Dom-Museum, indem verschiedene Architekturmodelle und Details aus der Baugeschichte des Doms zu besichtigen sind. Wer gut zu Fuß ist, keine Knieprobleme oder Platzangst in den am Ende sehr schmalen Treppen hat, erreicht in 270 Stufen den Kuppelumlauf: erst den inneren (wo man an einer kleinen Schwarz-Weiß-Fotoausstellung aus der Zeit des Wiederaufbaus vorbeiläuft, an einer Stelle von oben in die Predigtkirche schauen oder durch schlecht geputzte Fenster schon mal einen Blick nach draußen werfen kann) und dann schließlich den äußeren Umlauf, wo zur Belohnung eine wunderbare 360 Grad-Aussicht über Berlin lockt. Ebenfalls schöne Aussicht von oben und speziell auf Berliner Dom, Lustgarten und Unter den Linden gibt’s derzeit übrigens von der Terrasse des Cafés in der Humboldt-Box gegenüber. Dort ist der Eintritt frei.

Mehr Infos: www.berlinerdom.de

 

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